Schiphol Airport: Dreh­kreuz der Religionen

Flughafen Amsterdam Schiphol, neun Uhr morgens.

von Dörte Nohrden

Auf dem Weg zur Arbeit läuft der Pfarrer Gerard Timmer­mans durch das Gewimmel in Terminal F. An einem Leucht­schild mit der Aufschrift “ Medi­ta­tion Centre“ biegt er aus dem Strom der Reisenden in einen schmalen Seite­gang ab. Die Tür zum Vorraum steht offen, in der linken Ecke ein kleiner, mit Blumen geschmückter Tisch, zwei schwarze Leder­stühle, rechts eine Auslage mit Zeit­schriften, daneben eine weiße Garde­robe samt Schuh­regal. Gera­deaus führt eine gläserne Tür in den fens­ter­losen Bespre­chungs­raum. Der 62-jährige Pfarrer schließt auf und knipst das Licht an.

Kurz darauf tritt eine junge Frau aus dem angren­zenden Gebets­raum und greift sich ihre Flip-Flops aus dem Regal. Im Bespre­chungs­raum brodelt der Wasser­ko­cher, Timmer­mans giesst eine Kanne Tee auf und fragt die Frau, ob sie auch eine Tasse wolle. Gerone, so heißt die Phil­ip­pi­nerin, nimmt dankend an, seit Stunden wartet sie auf ihren Anschluss­flug. Beim Tee erzählt sie Timmer­mans, dass sie auf dem Weg zu einer Öko-Konfe­renz in São Paulo sei. Nach einem Small­talk mit viel Lachen verab­schiedet sich Gerone zu ihrem Gate.

Gerone ist eine von 63 Millionen Passa­gieren, die jedes Jahr durch Schip­hols Hallen rauschen. 173.000 jeden Tag, der Flug­hafen zählt zu den größten Europas. Wer sich hier durch den Strom einer anonymen Masse kämpft, verwirrt, verspätet oder verschlafen durch eine Wolke aus Geräu­schen, Gerü­chen, fremden Sprach­fetzen, und durch lang­wie­rige Kontrollen zum Weiter­flug hetzt, der kann sich durchaus verloren fühlen, verloren gehen oder auch schlicht selbst etwas verlieren…