Shet­land­in­seln: Das Leben ist ein Ponyhof

"Good morning Ladies and Gentlemen, it is 6.30 in the morning and we will shortly arrive in Lerwick", tönt es aus dem Lautsprecher.

von Dörte Nohrden

Ich liege auf dem schmalen Bett einer winzigen Außen­ka­bine. Nach zwölf­stün­diger Über­fahrt vom schot­ti­schen Aber­deen schiebe ich das Rollo vor dem Fenster ein Stück­chen hinauf und sehe tatsäch­lich Land: Shet­land. Wir befinden uns zwischen Norwegen und den Färöer Inseln auf 60° nörd­li­cher Breite mitten im Nordatlantik.

An Deck geeilt, empfängt mich blau­grün­sil­berne Weite in schönster Kompo­si­tion, die Insel ist noch in Morgen­nebel gehüllt. Die mäch­tige Fähre, in deren Bauch bis zu 600 Personen Platz finden, gleitet bei ruhiger See west­lich vorbei an Shet­lands größter Insel Main­land. Seevögel ziehen krei­schend ihre Kreise um die North­link Ferry. Östlich taucht das Eiland Bressay aus dem Morgen­dunst auf, an dessen Südspitze ein weißer Leucht­turm auf den Klippen thront.

Langsam laufen wir in den Hafen von Lerwick ein. Silbern schim­mert das pitto­reske 7.000-Seelen Örtchen, admi­nis­tra­tives Zentrum des Shet­land Archi­pels. Es beher­bergt rund ein Drittel der gesamten Insel­ein­wohner. Vor dem kleinen Stadt­strand dümpeln bunte Segel- und Fischer­boote, weiter nörd­lich liegen riesige Kähne rund um die Öl- und Fisch­in­dus­trie, und irgendwo dazwi­schen machen wir am Fähr­ter­minal fest. Ange­landet im Eldo­rado der Seevögel, Schafe und Shetlandponys.

Meine Unter­kunft ist ein Fünf-Sterne-Hostel. Ich wähle das Stock­bett über Yasemin, Profes­sorin für Pädagogik aus Istanbul, und das Zwölf-Bett-Zimmer wird zum gemüt­li­chen Kurz­zeit­zu­hause in sehr inter­na­tio­naler Gemein­schaft, die ich viel­leicht in London, nicht aber hier erwartet hätte. Zwölf Frauen aus neun Ländern auf zwanzig Quadrat­me­tern. Im Bett gegen­über etwa schreibt Alice aus Melbourne ihr Reise­ta­ge­buch, darunter schläft Maria, die ursprüng­lich aus Vene­zuela stammt. Später stößt noch Jana aus Riga dazu. Zum dritten Mal sei sie bereits auf den Inseln, sagt sie, sie komme hierher zum Arbeiten, saisonal in der Fisch­in­dus­trie. „Das ist ein toller Job. Ich habe hier die besten Kollegen der Welt.“

Was auf dem Globus nur ein winziger Fleck im Nord­at­lantik ist, offen­bart sich als ein Archipel von mehr als 100 Inseln, 16 von ihnen bewohnt, wie etwa Yell, Fetlar, Noss, Burra oder Trondra. Sie klingen wie Produkte aus einem schwe­di­schen Möbel­ka­talog und verraten damit tatsäch­lich ihre Vergan­gen­heit. Schließ­lich waren hier einst die Wikinger zu Hause. Und hätte Chris­tian I., König von Norwegen und Däne­mark, die Inseln im 15. Jahr­hun­dert nicht als Mitgift für seine Tochter Margret an James III., König von Schott­land, abge­treten, wären sie wohl heute noch skan­di­na­vi­sches Territorium.

Erschienen in
Zeit Online

Schlagwörter

Großbritannien, Schottland, Wikinger,